Dr. med. Wolfgang Grimm (Hämatologie/Internistische Onkologie)

Praxisinhaber:
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Wachstumssignale ausschalten

Wachstumssignale ausschalten

Brustkrebsbehandlung mit Trastuzumab und Lapatinib

Seit mehreren Jahren ist der monoklonale Antikörper Trastuzumab in der Behandlung bestimmter Brustkrebsformen etabliert. Wie eine Sperre im Straßenverkehr sorgt das Medikament dafür, dass bestimmte Wachstumsfaktoren die Tumorzelle nicht mehr erreichen; die Zellteilungsrate verlangsamt sich und im Idealfall kommt das Tumorwachstum zum Stillstand. Mit ganz ähnlichen Konsequenzen wirkt das als Tablette einzunehmende Lapatinib. In bestimmten Situationen ist es offenbar sinnvoll, beide Medikamente in Kombination einzusetzen.

Her2/neu-Rezeptoren bei 20 bis 25 Prozent aller Brustkrebspatientinnen
Sowohl Trastuzumab als auch Lapatinib unterbrechen letzten Endes die Weiterleitung eines Wachstumssignals. Solche Signale sind auch für den gesunden Organismus ungemein wichtig; denn alle Prozesse in unserem Körper werden von unterschiedlichsten Signalen gesteuert.

Zellen erhalten ihr Signal, sich zu teilen (damit das Gewebe wachsen kann) über sogenannte Wachstumsfaktoren. Forscher überall auf der Welt haben mittlerweile ganze Familien unterschiedlicher Wachstumsfaktoren identifiziert. Eine der am besten untersuchten ist die der epidermalen Wachstumsfaktoren oder kurz EGF (Epidermal Growth Factor). Zur EGF-Familie gehört unter anderem der Wachstumsfaktor Her2/neu.

Her2/neu ist seit den 1990er Jahren bekannt. Er bindet an einem speziellen Rezeptor an der Außenseite von Zellen und erzeugt damit ein Signal, das über verschiedene Stationen ins Innere der Zelle und schließlich bis zum Zellkern weitergeleitet wird. Dort startet dann das Zellteilungsprogramm: die Zelle vermehrt sich. Her2/neu-Rezeptoren kommen aber nicht auf jeder Zelle und auch nicht auf jeder Brustkrebszelle vor. Bei etwa 20 bis 25 Prozent aller Brustkrebspatientinnen lassen sie sich in großer Zahl nachweisen.

Den Rezeptor blockieren oder einen Dominostein entfernen
Normalerweise überwacht der Organismus die Produktion und die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren sehr genau. Tumorzellen, die an ihrer Außenseite Her2/neu-Rezeptoren tragen, sind aber in der Lage, selbst Her2/neu zu produzieren, nach außen abzugeben und so ihre eigene Zellteilung extrem zu beschleunigen. So entsteht unkontrolliertes Tumorwachstum.

Der monoklonale Antikörper Trastuzumab erkennt den Her2/neu-Rezeptor auf der Zellaußenseite, dockt an ihn an und blockiert ihn damit. Her2/neu kann nicht mehr an den Rezeptor binden, die zur Zellteilung führende Signalkette ist unterbrochen.

Auch Lapatinib unterbricht die Signaltransduktion, also die Übertragung des Signals bis zum Zellkern. Allerdings nicht von der Zellaußenseite her wie Trastuzumab, sondern von der Zellinnenseite. Lapatinib sorgt dafür, dass das Signal nicht im Zellkern ankommt. Die Weiterführung des Signals im Zellinnern kann man sich vorstellen wie einen Dominoeffekt. Stößt man den ersten Stein an, fallen die nachfolgenden kontrolliert um, bis das Ende der Kette – in unserem Fall der Zellkern – erreicht ist. Lapatinib ist in der Lage, ziemlich am Anfang dieser Kette gezielt einen Dominostein herauszunehmen, das heißt, das Signal bleibt an dieser Stelle förmlich stecken.

Lapatinib muss, um wirken zu können, also in die Tumorzelle eindringen, Trastuzumab dagegen bleibt auf der Zellaußenseite, besetzt dort aber den Her2/neu-Rezeptor.

Wirkungen verstärken sich gegenseitig
Da Trastuzumab und Lapatinib an unterschiedlichen Stellen auf denselben Signalweg wirken, kann man theoretisch erwarten, dass sie sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken. Tatsächlich gibt es mittlerweile Studienergebnisse, die genau das belegen.

Brustkrebspatientinnen, bei denen Her2/neu-Rezeptoren auf den Tumorzellen nachgewiesen wurden, können von dieser Doppelstrategie profitieren.